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Deine Werte finden

Deine Werte finden: 12 Fragen, die zeigen, wonach du tatsächlich entscheidest

Wertelisten zum Ankreuzen liefern zuverlässig das, was Sie für wünschenswert halten. Diese zwölf Fragen zielen auf etwas anderes: auf die Werte, nach denen Sie ohnehin schon handeln.

Warum Wertelisten nichts verraten

Der übliche Weg zur Wertefindung sieht so aus: Eine Liste mit sechzig Begriffen, davon sollen Sie zehn auswählen und diese dann auf fünf reduzieren. Ehrlichkeit, Familie, Gesundheit, Freiheit, Wachstum, Verantwortung, Kreativität, Sicherheit.

Das Ergebnis ist bei den meisten Menschen bemerkenswert ähnlich, und es ist bemerkenswert nutzlos. Der Grund ist einfach: Alle Begriffe auf der Liste klingen gut. Niemand streicht Ehrlichkeit, weil er sie unwichtig findet. Eine Auswahl, bei der nichts gegen etwas anderes steht, misst nicht Ihre Werte, sondern Ihre Sprachkompetenz im Bereich sozial anerkannter Ideale.

Das ist kein Detail, sondern der Kern des Problems, und die Forschung zu menschlichen Werten hat dafür eine sehr präzise Erklärung.

Werte sind eine Rangordnung, keine Liste

Die einflussreichste Arbeit auf diesem Gebiet stammt von Shalom Schwartz. Seine Theorie der Grundwerte identifiziert zehn Wertetypen, die kulturübergreifend erkennbar sind, in einer verfeinerten Fassung von 2012 sind es neunzehn. Die Befunde stützen sich auf Daten aus 82 Ländern.

Der eigentlich wichtige Teil dieser Theorie ist nicht die Aufzählung, sondern die Anordnung. Schwartz ordnet die Werte in einem Kreis an, und diese Anordnung bildet ab, welche Werte zusammenpassen und welche einander widersprechen. Gegenüber liegen jeweils die Gegensätze: Selbstüberwindung, also Wohlwollen und Universalismus, steht gegen Selbsterhöhung, also Leistung und Macht. Offenheit für Wandel, also Selbstbestimmung und Stimulation, steht gegen Bewahrung, also Sicherheit, Konformität und Tradition.

Diese Gegensätze sind keine persönlichen Widersprüche, die man auflösen müsste. Sie sind strukturell. Wer mehr Sicherheit will, hat weniger Abenteuer, und zwar nicht wegen einer Charakterschwäche, sondern weil beides dasselbe knappe Gut beansprucht. Ein Wert wird also erst dann aussagekräftig, wenn er gegen einen anderen wichtigen Wert antritt und gewinnt.

Dazu kommt ein Befund, der die üblichen Werteübungen zusätzlich entwertet. Die durchschnittliche Rangfolge der Werte ist über die meisten gesellschaftlichen Gruppen hinweg erstaunlich ähnlich. Wohlwollen, Selbstbestimmung und Universalismus stehen fast überall weit oben, Macht und Tradition weit unten. Wenn Sie also Ehrlichkeit und Familie nennen, nennen Sie damit das, was fast alle nennen. Der Informationsgehalt liegt nicht in der Nennung, sondern in der Abweichung.

Was Verhalten verrät und was nicht

Der naheliegende Ausweg lautet: Schauen wir nicht auf das Gesagte, sondern auf das Getane. Auch das ist richtig, aber nicht überall gleich gut.

Anat Bardi und Shalom Schwartz untersuchten 2003 im Personality and Social Psychology Bulletin, wie stark einzelne Werte tatsächlich mit dem dazu passenden Verhalten zusammenhängen. Das Ergebnis war ungleichmäßig. Stimulation und Tradition zeigten starke Zusammenhänge zum entsprechenden Verhalten. Hedonismus, Macht, Universalismus und Selbstbestimmung lagen im mittleren Bereich. Sicherheit, Konformität, Leistung und Wohlwollen hingen nur schwach mit dem Verhalten zusammen.

Die Erklärung der Autoren ist für die Praxis sehr brauchbar: normativer Druck. Bei Verhaltensweisen, die ohnehin von allen erwartet werden, sagt das Verhalten wenig über den persönlichen Wert aus. Dass Sie einer Kollegin helfen, verrät kaum etwas, weil das erwartet wird und der Verzicht auffallen würde. Dass Sie mit vierzig noch einmal das Land wechseln, verrät sehr viel, weil niemand es von Ihnen verlangt hat.

Daraus folgt die Bauanleitung für gute Fragen. Sie müssen auf Situationen zielen, in denen Sie hätten anders handeln können, ohne dass es jemand bemerkt oder sanktioniert hätte. Genau darauf sind die folgenden zwölf Fragen ausgerichtet.

Bevor Sie anfangen

Drei Hinweise, die den Unterschied zwischen einer nützlichen und einer folgenlosen Stunde ausmachen.

Erstens: Schreiben Sie tatsächlich. Im Kopf durchgespielt liefern diese Fragen ein angenehmes Gefühl von Selbsterkenntnis und kein verwertbares Ergebnis, weil das Gedächtnis unbemerkt glättet. Der Unterschied zwischen einem gedachten und einem geschriebenen Satz ist bei diesem Thema erheblich.

Zweitens: Antworten Sie mit Ereignissen, nicht mit Eigenschaften. „Mir ist Verlässlichkeit wichtig“ ist keine Antwort, sondern eine Wiederholung der Frage. „Im März habe ich einen Abend abgesagt, weil ich eine Zusage an jemand anderen einhalten wollte“ ist eine Antwort. Nur konkrete Ereignisse lassen sich später auf Muster prüfen.

Drittens: Rechnen Sie mit unangenehmen Stellen. Mindestens zwei oder drei dieser Fragen zielen bewusst auf Bereiche, in denen die Antwort nicht schmeichelt, etwa Neid, Scham und der Konflikt, den man regelmäßig zugunsten der bequemeren Seite entscheidet. Wenn keine Ihrer Antworten Sie stört, haben Sie vermutlich die geschönte Version aufgeschrieben, und dann liefert die Auswertung wieder nur die üblichen Begriffe.

Planen Sie etwa vierzig Minuten ein und machen Sie es an einem Stück. Die Auswertung kann warten, aber die Antworten sollten aus einer Sitzung stammen, damit die späteren Fragen nicht von den früheren Antworten geglättet werden.

Die zwölf Fragen

Nehmen Sie sich für jede Frage ein paar Minuten und schreiben Sie die Antwort auf. Konkrete Beispiele sind wichtiger als saubere Formulierungen. Zwei Sätze pro Frage genügen.

Teil eins: Was Sie bereits getan haben

  1. Wofür haben Sie in den letzten zwölf Monaten Geld ausgegeben, das Sie nicht ausgeben mussten? Nehmen Sie dafür den tatsächlichen Kontoauszug, nicht die Erinnerung. Die Erinnerung ist gefiltert, die Abbuchungen sind es nicht. Streichen Sie alles Notwendige und schauen Sie sich an, was übrig bleibt.
  2. Wie haben Sie den letzten wirklich freien Tag verbracht, an dem niemand etwas von Ihnen wollte? Nicht wie Sie ihn gern verbracht hätten. Freie Zeit ist die ehrlichste Währung, weil sie sich weder anstauen noch nachträglich umbuchen lässt.
  3. Welchen Vorteil haben Sie schon einmal ausgeschlagen, und was war der Grund? Eine Beförderung, ein Auftrag, ein Umzug, ein Angebot. Ein freiwilliger Verzicht ist der stärkste verfügbare Beleg für einen Wert, weil er teuer war und niemand ihn verlangt hat.

Teil zwei: Konflikte, in denen sich Werte zeigen

  1. Wann haben Sie zuletzt etwas Unbequemes getan, obwohl niemand es bemerkt hätte, wenn Sie es gelassen hätten? Diese Frage filtert normativen Druck heraus. Was übrig bleibt, sind die Fälle, in denen etwas anderes als die Erwartung anderer die Entscheidung getragen hat.
  2. Welche zwei Dinge, die Ihnen beide wichtig sind, kollidieren in Ihrem Leben regelmäßig? Und welches von beiden gewinnt tatsächlich, wenn es eng wird? Die zweite Hälfte der Frage ist die entscheidende. Fast alle kennen ihren Konflikt, aber wenige benennen ehrlich, welche Seite ihn gewöhnlich für sich entscheidet.
  3. Für welchen Zugewinn an Geld oder Status würden Sie Ihre derzeitige Freiheit über Ihre Zeit aufgeben, und für welchen nicht? Suchen Sie die Schwelle, an der Sie umkippen. Genau dort verläuft die Grenze zwischen zwei Werten, und die Lage dieser Grenze sagt mehr aus als jede Selbstbeschreibung.

Teil drei: Was Gefühle anzeigen

  1. Worüber ärgern Sie sich unverhältnismäßig, wenn Sie es bei anderen sehen? Nicht das, was Sie missbilligen, sondern das, was Sie überproportional aufregt. Ärger ist ein zuverlässiger Anzeiger für einen verletzten Wert, und die Unverhältnismäßigkeit ist das Signal, nicht der Fehler.
  2. Auf wen sind Sie neidisch, und worauf genau? Nicht auf die Person, sondern auf einen bestimmten Umstand: die Freiheit, die Anerkennung, die Ruhe, die Wirkung. Neid ist unangenehm und deshalb informativ, weil er einen Wert anzeigt, den Sie haben und nicht leben.
  3. Wofür haben Sie sich zuletzt geschämt, ohne dass jemand Sie kritisiert hätte? Scham ohne äußeren Anlass entsteht meist dann, wenn man gegen einen eigenen Maßstab verstoßen hat. Sie zeigt einen Wert an, den Sie tatsächlich vertreten, unabhängig davon, ob Sie ihn jemals ausgesprochen haben.

Teil vier: Richtung statt Ziel

  1. Bei welcher Tätigkeit vergessen Sie die Zeit, auch wenn die Tätigkeit anstrengend ist? Die Einschränkung ist wichtig. Es geht nicht um Entspannung, sondern um jene Beschäftigungen, bei denen der Aufwand nicht als Preis empfunden wird.
  2. Was würden Sie tun, wenn niemand davon erführe? Und was, wenn alle es sähen? Beantworten Sie beides getrennt. Die Differenz zwischen den beiden Antworten besteht aus geliehenen Werten, also aus Maßstäben, die Sie von Ihrem Umfeld übernommen haben, ohne sie zu prüfen.
  3. Welchen Satz sollen Menschen über Sie sagen, die mit Ihnen arbeiten oder leben? Nicht bei einer Trauerrede in dreißig Jahren, sondern am kommenden Dienstag. Die Grabrede-Variante lädt zu Feierlichkeit ein und produziert deshalb Wunschbilder. Der Dienstag produziert brauchbare Antworten.

Wie Sie die Antworten auswerten

Sie haben jetzt zwölf Notizen mit konkreten Beispielen. Der nächste Schritt ist nicht, ihnen Etiketten aufzukleben, sondern nach Wiederholungen zu suchen.

Lesen Sie alles durch und markieren Sie, was mehrfach vorkommt. Wenn in der Antwort zum Kontoauszug, in der zum freien Tag und in der zum Neid dieselbe Sache in unterschiedlicher Verkleidung auftaucht, haben Sie etwas gefunden. Ein einzelnes Vorkommen ist eine Episode, drei Vorkommen sind ein Muster.

Formulieren Sie jedes gefundene Muster anschließend als Verb, nicht als Substantiv. Das ist der praktisch folgenreichste Schritt der ganzen Übung. „Freiheit“ ist unbrauchbar, weil der Begriff für jeden etwas anderes bedeutet und keine Handlung nahelegt. „Über meine Arbeitszeit selbst entscheiden können, auch wenn ich dafür weniger verdiene“ ist brauchbar, weil daraus eine Prüffrage für konkrete Entscheidungen wird.

Machen Sie zum Schluss den Rangordnungstest. Nehmen Sie Ihre drei bis fünf Formulierungen und stellen Sie je zwei gegeneinander in einer realistischen Situation. Nicht abstrakt, sondern konkret: Wenn ich dieses Angebot annehme, bekomme ich mehr von A und weniger von B. Erst diese Paarvergleiche erzeugen eine Rangordnung, und erst die Rangordnung ist im Alltag entscheidungsfähig.

Ein durchgerechnetes Beispiel

Damit klar wird, wie das Ergebnis aussieht, hier ein Durchgang anhand einer erfundenen, aber typischen Antwortsammlung.

Beim Kontoauszug fallen zwei wiederkehrende Posten auf: ein Sprachkurs und mehrere Bahnfahrten zu Freunden in anderen Städten. Der letzte freie Tag ging für ein Projekt drauf, das niemand in Auftrag gegeben hatte. Ausgeschlagen wurde vor drei Jahren eine Führungsposition, damals mit der Begründung, man wolle nicht nur noch Meetings haben. Beim Neid steht: die Kollegin, die ihre Woche selbst einteilt. Beim Ärger steht: Menschen, die eine Sache halbfertig abgeben und darauf hoffen, dass es niemandem auffällt. Bei der Scham steht: eine Zusage, die nicht eingehalten wurde, ohne dass jemand nachgefragt hätte.

Was wiederholt sich? Zweimal geht es darum, selbst über den eigenen Einsatz zu bestimmen, einmal offen und einmal als Neid getarnt. Dreimal geht es um Gründlichkeit und Verlässlichkeit, einmal als Ärger über andere, einmal als Scham über sich selbst und einmal als unbeauftragtes Projekt am freien Tag. Einmal geht es um Verbindung zu bestimmten Menschen, sichtbar an den Bahnfahrten.

Als Verben formuliert ergibt das drei Kandidaten: über den eigenen Einsatz selbst bestimmen, Dinge fertig machen statt sie abzugeben, und den Kontakt zu wenigen Menschen aktiv aufrechterhalten, auch wenn es aufwendig ist.

Jetzt kommt der Rangordnungstest. Was passiert, wenn ein Auftrag Selbstbestimmung bietet, aber die Gründlichkeit unmöglich macht, weil der Zeitrahmen zu eng ist? Und was passiert, wenn ein Projekt beides erfüllt, aber ein halbes Jahr lang die Wochenenden auffrisst? Die Antworten auf diese beiden Fragen sind die eigentliche Ausbeute. Sie sagen mehr über die Person aus als jede Auswahl aus einer Begriffsliste, und sie sind im nächsten Entscheidungsfall unmittelbar anwendbar.

Werte dürfen sich ändern

Ein verbreitetes Missverständnis lautet, dass die eigenen Werte feststehen und man sie nur einmal richtig ausgraben müsse. Das ist so nicht haltbar.

Die Rangordnung verschiebt sich mit den Lebensumständen, und zwar durchaus systematisch. Sicherheit gewinnt an Gewicht, wenn Menschen von einem abhängen oder wenn die Lage instabil wird. Offenheit für Wandel steht bei jüngeren Menschen im Schnitt höher als bei älteren. Wer ein Kind bekommt, eine schwere Krankheit übersteht oder das Land wechselt, hat danach mit einiger Wahrscheinlichkeit eine andere Rangfolge als davor.

Das ist keine Beliebigkeit und kein Verrat an sich selbst. Es ist die naheliegende Anpassung an eine veränderte Lage. Problematisch wird es nur in einem Fall: wenn sich die tatsächliche Rangordnung längst verschoben hat, die ausgesprochene aber unverändert bleibt. Dann trifft man Entscheidungen nach einem Maßstab, der nicht mehr gilt, und wundert sich anschließend, warum das Ergebnis sich falsch anfühlt, obwohl doch alles nach Plan lief.

Ein sinnvoller Rhythmus für diese Übung liegt deshalb bei etwa einem Durchgang pro Jahr, und besonders lohnend ist sie nach jeder größeren Veränderung. Heben Sie die alten Antworten auf. Die Verschiebungen zwischen zwei Durchgängen sind oft aufschlussreicher als jede einzelne Momentaufnahme.

Vier Verwechslungen, die es zu vermeiden gilt

Ein Wert ist kein Ziel. Ziele lassen sich erreichen und abhaken, Werte nicht. „Einen Marathon laufen“ ist ein Ziel, „meinen Körper ernst nehmen“ ist eine Richtung. Der Unterschied wird spätestens am Tag nach dem Marathon spürbar.

Ein Wert ist keine Eigenschaft. „Ich bin geduldig“ beschreibt, wie Sie sich sehen. „Zuhören, bevor ich antworte“ beschreibt, was Sie tun wollen. Das eine ist angreifbar und lässt sich durch einen schlechten Tag widerlegen, das andere nicht.

Ein Wert ist keine Regel für andere. Wenn Ihre Formulierung im Kern beschreibt, wie sich Ihr Umfeld verhalten sollte, haben Sie eine Erwartung notiert, keinen Wert. Werte betreffen ausschließlich Ihr eigenes Verhalten, und das ist ihre eigentliche Zumutung.

Und ein Wert ist nicht das, was Ihr Umfeld hochhält. Geliehene Werte erkennt man an einem bestimmten Gefühl beim Aussprechen: Sie klingen richtig, aber sie erzeugen keine Reibung. Ein eigener Wert kostet regelmäßig etwas. Wenn eine Ihrer Formulierungen Sie noch nie etwas gekostet hat, ist sie vermutlich geliehen.

Was das Aufschreiben leistet und was nicht

Zur Einordnung gehört ein Hinweis auf die Forschungslage, denn das Schreiben über eigene Werte ist als Intervention gut untersucht und die Ergebnisse sind gemischt.

In den 2000er Jahren erregten kurze Werteaufsätze großes Aufsehen, weil sie in Schulversuchen deutliche Leistungsverbesserungen bei benachteiligten Gruppen zeigten. Spätere Replikationen mit größeren Stichproben fanden diese Effekte teilweise nicht wieder. Eine gut abgesicherte Wiederholung in einem Umfeld, in dem zuvor deutliche Wirkungen gemessen worden waren, fand keine Effekte und konnte Wirkungen oberhalb einer sehr kleinen Größenordnung ausschließen.

Die vernünftige Lesart lautet: Über eigene Werte zu schreiben ist keine Methode zur Leistungssteigerung und wirkt nicht bei allen unter allen Umständen. Das ist aber auch nicht der Zweck dieser zwölf Fragen. Ihr Zweck ist ein anderer und bescheidener: eine brauchbare Entscheidungsgrundlage für die Fälle, in denen die üblichen Kriterien versagen.

Wofür Sie das Ergebnis tatsächlich brauchen

Werte sind nicht dafür da, in einer Notizbuch-App zu stehen. Sie werden in genau drei Situationen gebraucht.

Erstens bei Entscheidungen unter Unsicherheit, in denen sich das Ergebnis nicht berechnen lässt. Wenn zwei Optionen sich rechnerisch nicht unterscheiden lassen, ist die Frage nach der Passung zu Ihrer Rangordnung die einzige verbleibende Entscheidungsgrundlage.

Zweitens bei Konflikten mit anderen. Ein großer Teil hartnäckiger Auseinandersetzungen sind keine Sachkonflikte, sondern Wertkonflikte in sachlicher Verkleidung. Wer die eigene Rangordnung kennt, kann das benennen, und ein benannter Wertkonflikt ist bearbeitbar, während ein verkleideter endlos weiterläuft.

Drittens bei der Frage, was ausfällt. Jede Zusage ist eine Absage an etwas anderes. Ohne Rangordnung entscheidet darüber, was gerade am lautesten ist. Mit Rangordnung entscheidet darüber ein Kriterium, das Sie in Ruhe festgelegt haben, und das ist der eigentliche Gewinn dieser Übung.

Fazit

Die Frage „Was sind meine Werte?“ führt fast zwangsläufig zu einer Liste von Begriffen, die alle gut klingen und deshalb nichts unterscheiden. Die bessere Frage lautet: Wonach entscheide ich, wenn es etwas kostet?

Die Forschung stützt diese Umformulierung gleich zweifach. Werte sind kreisförmig angeordnet, weil sie einander systematisch widersprechen, und deshalb liegt die Information in der Rangordnung, nicht in der Aufzählung. Und der Zusammenhang zwischen genannten Werten und tatsächlichem Verhalten ist genau dort am schwächsten, wo alle sich ohnehin gleich verhalten sollen.

Die zwölf Fragen zielen deshalb konsequent auf das, was Sie freiwillig getan, ausgeschlagen, beneidet oder bereut haben. Dort liegen Ihre Werte bereits offen. Sie müssen sie nicht finden, sondern nur aufschreiben, was Sie ohnehin schon tun, wenn es niemand vorschreibt.

Auf einen Blick

  • Die Theorie der Grundwerte von Schwartz beschreibt zehn, in der verfeinerten Fassung neunzehn Wertetypen, geprüft an Daten aus 82 Ländern.
  • Die Werte sind kreisförmig angeordnet, weil benachbarte Werte zusammenpassen und gegenüberliegende einander widersprechen. Der Konflikt ist strukturell, nicht persönlich.
  • Die durchschnittliche Wertehierarchie ist über gesellschaftliche Gruppen hinweg sehr ähnlich. Aussagekräftig ist die Abweichung, nicht die Nennung.
  • Werte hängen unterschiedlich stark mit Verhalten zusammen. Am schwächsten dort, wo normativer Druck herrscht, etwa bei Wohlwollen, Konformität und Sicherheit (Bardi und Schwartz, 2003).
  • Gute Fragen zielen auf Situationen, in denen Sie hätten anders handeln können, ohne dass es jemand bemerkt hätte.
  • Werte als Verben formulieren, nicht als Substantive. Erst dann entsteht daraus eine Prüffrage für konkrete Entscheidungen.

Quellen

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